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Es wird ernst: Künstliche Intelligenz zieht in die österreichische Verwaltung ein
KI-Anwendungen sollen die Behörden im Land effizienter machen. Bis KI in die ID Austria einzieht, wird aber noch einige Zeit vergehen
Peter Zellinger
- März 2026, 18:00
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Alexander Pröll bei einer Pressekonferenz.
Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll: "Viele Behörden haben in den letzten Monaten mit KI experimentiert. Jetzt beginnt die nächste Phase: Wir gehen von einzelnen Tests zu einem strukturierten und sicheren Einsatz von KI in der Verwaltung."
BKA/Florian Schrötter
Österreichs Amtsstuben gelten nicht zwingend als die Vorreiter des digitalen Wandels. Doch Stempel und Zettelwirtschaft sollen nicht nur digital werden, sondern durch die Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz schneller und effizienter werden. Das ist auch notwendig, denn in den kommenden 13 Jahren gehen 44 Prozent der Bundesbediensteten in Pension. Den altersbedingten Wissensabbau soll die KI ausgleichen.
Die Zahlen, die Staatssekretär Alexander Pröll, der Rektor der TU-Graz Horst Bischof und Roland Ledinger, Geschäftsführer des Bundesrechenzentrums am Dienstag präsentieren, sprechen eine deutliche Sprache: Allein im Jahr 2024 verzeichneten die Bürgerservicestellen rund 660.000 Anrufe. An Spitzentagen gehen bis zu 5000 Anrufe ein – eine Last, für die die aktuelle Hotline-Infrastruktur, die auf etwa 1000 Anrufe pro Tag ausgelegt ist, schlicht nicht gebaut wurde. Das Ergebnis sind Warteschleifen und Frust auf beiden Seiten. Hier setzt die neue KI-Strategie an: Sie soll Nadelöhre in der Kommunikation und knapper personeller Ressourcen ausgleichen.
KI soll die Menschen in der Verwaltung entlasten – nicht ersetzen. Sie kann Routinearbeit abnehmen und den Bediensteten mehr Zeit für komplexe Entscheidungen und besseren Bürgerservice geben; so lautet die Idee. "Bis 2030 werden wir sechs Prozent des Verwaltungsdienstes nicht nachbesetzen. Um diese Lücke zu schließen, setzen wir auf das Motto: Einsparungen durch Digitalisierung, nicht an Digitalisierung. Vor allem durch Künstliche Intelligenz wollen wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlasten. Gleichzeitig modernisieren wir die Verwaltung – ohne dabei sicherheitsrelevante Bereiche oder besonders schutzbedürftige Gruppen zu beeinträchtigen", so Pröll.
Insgesamt ergibt sich durch die neue Regelung ein Einsparungspotenzial von 540 Millionen Euro bis 2030, danach jährlich von rund 250 Millionen Euro – 20 Prozent davon fließen in die Digitalisierung.
17 Anwendungsfelder
Wie sieht diese Zukunft konkret aus? Die Präsentation listet 17 spezifische Anwendungsfelder auf, die den Arbeitsalltag in den Ministerien und Ämtern revolutionieren sollen. Diese reichen von der Umwandlung von Texten in leicht verständliche Sprache über die Zusammenfassung komplexer Dokumente bis hin zur Analyse von Ausschreibungsunterlagen.
Besonders spannend ist die Integration in bestehende Fachanwendungen wie den Elektronischen Akt (ELAK) oder SAP. Wenn eine KI direkt im ELAK-System beim Vergleichen von Gesetzen und Richtlinien hilft oder Entwürfe für Veranstaltungsreden erstellt, spart dies wertvolle Zeit, die die Beamten für komplexe Einzelfallentscheidungen nutzen können. Auch die Erstellung von Excel-Formeln oder die Recherche zu völlig neuen Themenkomplexen soll künftig durch spezialisierte KI-Agenten unterstützt werden.
Kommende Woche wird es ein ressortübergreifendes "KI-Konklave" geben. Dieses Gremium dient als Entscheidungs- und Arbeitsformat, um die Weichen für das kommende Doppelbudget zu stellen. Ein zentraler Bestandteil ist die "Use-Case-Werkstatt", in der Anwendungen in drei Bereichen Verwaltung, Fachanwendungen und Bürger/Unternehmen beschlossen werden.
Modelle von Mistral
"Gerade beim Einsatz von KI im Staat ist digitale Souveränität entscheidend. Deshalb arbeiten wir an einer gemeinsamen Infrastruktur, die unsere Daten schützt und gleichzeitig Innovation ermöglicht." Deshalb laufen auf den GPUs im Bundesrechenzentrum auch bevorzugt europäische Modelle – also etwa Mistral AI aus Frankreich. Dies soll volle Souveränität über die Daten garantieren. Für weniger kritische Anwendungen, die nicht der DSGVO unterliegen und auch nicht unter den AI Act fallen, können Modelle wie GPT-5 oder Gemini über ein LLM-Gateway eingebunden werden. Die GPUs kommen, wie bei der überwiegenden Mehrheit von Rechenzentren weltweit und in Ermangelung von europäischen Alternativen von US-Hersteller Nvidia.
Noch gibt es einige Hürden zu nehmen: Viele Gesetze erlauben aktuell den Einsatz Künstlicher Intelligenz noch nicht. So ist ein Antrag via Chatbot aktuell rechtlich gar nicht möglich. Bis das KI-Zeitalter in der ID Austria aufschlägt, wird ohnehin noch einige Zeit vergehen. Der Bund konzentriert sich aktuell eher auf Einsatzmöglichkeiten im internen Bereich, erst danach folgen die öffentlichen KI-Dienstleistungen. Dennoch will man Meter machen und sich nicht mit Nebenschauplätzen aufhalten. Die KI-Anwendungen sollen eine möglichst breite Nutzerbasis erreichen. Dass es dafür auch ein gewisses Umdenken in der österreichischen Verwaltung braucht, ist den Beteiligten klar. Hier soll über die Bundesverwaltungsakademie die nötige AI-Literacy, also die nötige KI-Kompetenz, vermittelt werden.
"Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, die größte Modernisierung der Verwaltung seit der Digitalisierung auszulösen. Wenn wir sie richtig einsetzen, können Verfahren schneller werden und der Staat insgesamt leistungsfähiger", so Pröll. (Peter Zellinger, 10.3.2026)