chon Ende dieses Jahres greift die sogenannte eIDAS-2.0-Verordnung und alle europäischen Mitgliedstaaten müssen ihren Bürgerinnen und Bürgern EU-Brieftaschen für die digitale Identität zur Verfügung stellen und gegenseitig anerkennen. Ein Projekt mit Tragweite, doch eine neue Befragung zeigt, dass ein Großteil der Menschen noch nicht einmal weiß, dass es existiert.
Alles beieinander
Die eIDAS-Verordnung, welche ursprünglich 2014 in Kraft trat, steht für "electronic Identification, Authentication and trust Services" und regelt genau das: elektronische Identifizierung, Signaturen, Authentifizierungen und so weiter.
2024 beschlossen die verschiedenen EU-Instanzen nach einigen Meinungsverschiedenheiten eine Neufassung der eIDAS-Verordnung. Gemäß der Überarbeitung müssen die Mitgliedstaaten ihren Bürgern digitale Geldbörsen (EUDI) anbieten, mit denen sie ihre nationale ID mit weiteren Attributen wie Führerscheinen oder Diplomen verknüpfen können. Kurz gesagt: Alle Dokumente sollen an einem Ort, respektive Wallet, gesammelt sein. Ab Inkrafttreten müssen sie auch EUDI-Brieftaschen aus anderen Ländern akzeptieren.
Außerdem wurde festgelegt, dass künftig nicht mehr Informationen weitergegeben werden dürfen als notwendig – bei einer Altersverifikation etwa nur: das Alter. Diese Form der Authentifizierung wird gemeinhin als Zero Knowledge Proof. Gleichzeitig dürfe niemand diskriminiert werden, der das digitale Börserl nicht nutzen möchte oder kann.
Ahnungslosigkeit
Eine solch umfassende digitale Brieftasche dürfte durchaus (positiv) in den Alltag der meisten Menschen in der EU eingreifen. Vermarktet scheint die Union dies jedoch nicht gut zu haben. Als der deutsche digitale Branchenverband Bitkom im Februar und März eine Umfrage über die EUDI durchführte, zeigten sich jedenfalls viele Menschen in Deutschland ahnungslos. Die Fragestellung, die telefonisch überbracht wurde: "Haben Sie schon einmal von dem Begriff EUDI-Wallet gelesen oder gehört?"
Von den 1004 Befragten gaben 52 Prozent an, sie hätten von dem Projekt noch nie gehört. Weitere 18 Prozent gaben an, sie kennen zwar den Begriff, wissen aber nicht, worum es bei der Sache gehe. Nur ein Fünftel der Personen meinte zu wissen, was die EUDI-Wallet ist, und lediglich 5 Prozent meinten, sie nach eigenem Ermessen gut erklären zu können. Laut Bitkom wurden die Befragten so ausgewählt, dass die Umfrage repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ist.
Gemäß seiner Position erklärt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst, die EUDI-Wallet sei "eine der bedeutendsten Innovationen dieser Jahre" und fordert eine breite Aufklärungskampagne.
Österreich ruht sich aus
Nach einer solchen muss man auch hierzulande suchen. Überhaupt finden sich auf den offiziellen österreichischen Regierungswebsites auffallend wenig aktuelle Informationen zur EUDI-Frist im Winter. Dies mag mitunter daran liegen, dass man sich hier auf der ID Austria ausruht. Die digitale Identität wurde infolge der ersten eIDAS-Verordnung eingeführt, Österreich war hier tatsächlich ein Vorreiter in Europa. Denn die Brieftaschen sollen – auch nach den überarbeiteten Vorgaben – auf nationalen Systemen aufbauen, die von Behörden oder "anerkannten privaten Einrichtungen" ausgestellt werden können.
Die ID Austria erhielt 2022 ihre eIDAS-Notifizierung und ist somit EU-weit anerkannt, zudem wurde sie von der EU als "sicherste mobile Lösung" ausgezeichnet. Der damalige Digitalisierungs-Staatssekretär Florian Tursky sprach 2024 im Kontext der Verordnung 2.0 von einer "Pionierrolle" und erklärte, man sei startklar: "Im Wesentlichen erfüllt die ID-Austria bereits alle Voraussetzungen für den Einsatz als EU-Wallet."
Update nötig
Laut der Einschätzung von Thomas Lohninger von der NGO für digitale Bürgerrechte epicenter.works droht Österreich jedoch gerade, zurückzufallen. "Jahrelang habe ich gehört: Wir haben eh ein gutes System, lassen wir es so", erklärte er im März auf einer Pressekonferenz. Und weiter: Früher habe man sich in Sachen Digitalagenden über die deutschen Nachbarn lustig gemacht, diese seien Österreich aber in der Umsetzung der digitalen europäischen Identität mittlerweile voraus.
Laut Lohninger müsse die ID Austria mit Ende 2026 durch eine EU-konforme Lösung ersetzt werden. Er könnte damit etwa auf den bislang fehlenden Zero-Knowledge Proof anspielen, der in der Verordnung gefordert wird. Dabei handelt es sich um ein Protokoll, bei dem eine Partei die andere Partei davon überzeugen kann, dass sie eine bestimmte Information – etwa zur Authentifizierung – hat, ohne der anderen Partei diese Informationen preiszugeben. Jedenfalls wird man der elektronischen Identität bis zum Winter ein Update verpassen müssen.
Zwar gab es am EUDI-Wallet reichlich Kritik von Datenschützern, etwa bezüglich der Zentralisierung von Verifikationssystemen. Besonders aufgrund ihrer Sicherheitsvorkehrungen sei die neue eIDAS-Verordnung jedoch laut Lohninger ein Riesenschritt in die richtige Richtung: "Aktuell kann das Innenministerium alles sehen, was wir in der ID Austria machen. Das wird erheblich eingeschränkt", erklärte er.
Hohe Ziele
Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll hat sich jedenfalls ein klares Ziel gesteckt: "Bis 2030 wollen wir alle 9 Millionen Menschen im Land mit einer digitalen Identität ausstatten", erklärte er vergangenen August. Ganz analog hat das Ressort hierfür eine Digital-Austria-Servicestelle im zweiten Wiener Gemeindebezirk eingerichtet, bei der sich Interessierte beraten lassen können. Stand heute verzeichnet man laut eigenen Angaben 4,8 Millionen Anmeldungen.