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Europa ringt um seine digitale Selbstbestimmung und hat dabei längst erkannt, dass es nicht mehr nur um Technologie geht. Während US-Konzerne wie Amazon Web Services, Microsoft und Google mit einem Marktanteil von knapp 65 Prozent die globale Cloud-Infrastruktur dominieren und China mit staatlich orchestrierten Tech-Giganten eigene Ökosysteme aufbaut, steht Europa zwischen Anspruch und Abhängigkeit. Im Rennen um künstliche Intelligenz, Rechenzentren und Datenplattformen ist der Kontinent nicht führend, sondern angewiesen auf Technologien, Standards und Skaleneffekte, die anderswo entstehen.
Doch genau aus dieser strategischen Schwäche erwächst ein neues Narrativ: digitale Souveränität. Es ist der Versuch, Kontrolle über Daten, Infrastruktur und Wertschöpfung zurückzugewinnen – nicht als Abschottung, sondern als Voraussetzung für wirtschaftliche und politische Handlungsfähigkeit. Die Frage ist längst nicht mehr, ob Europa mithalten kann, sondern ob es einen eigenen Weg definieren will: jenseits der Plattformökonomie des Silicon Valley und der staatsgetriebenen Digitalisierung Chinas.
Vom Diskonter zum Infrastruktur-Anbieter
In diesem Spannungsfeld positioniert sich Schwarz Digits als einer der ambitioniertesten europäischen Gegenentwürfe. Dabei handelt es sich um die IT-Sparte der Schwarz-Gruppe, die wohl am besten international für Lidl und Kaufland bekannt ist. Sie baut an einer eigenen Cloud-Infrastruktur, investiert in Rechenzentren und arbeitet an einem Ökosystem, das europäische Daten in Europa hält. Anfang März kündigte das Unternehmen den Bau eines neuen Rechenzentrums in Lübbenau, im brandenburgischen Spreewald, an – mit einem Kostenpunkt von elf Milliarden Euro. Insgesamt sollen 100.000 Grafikprozessoren die eingehenden Daten verarbeiten können. Das ist zehnmal so viel Rechenleistung wie in jenem Datenzentrum, das seit Kurzem von der Deutschen Telekom und Nvidia betrieben wird. Es handelt sich dabei um die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte.
In dem neuen Rechenzentrum werden eigene Daten der Gruppe verarbeitet – also Daten aus Liefer- und Bestellprozessen, Bezahlvorgängen und Kundenbindungsprogrammen. Speicher und Rechenleistung sollen aber auch externen Kunden angeboten werden.
Es wirkt auf den ersten Blick fast widersprüchlich: Ausgerechnet jener Konzern, der mit Lebensmitteln, Logistik und Preiskampf groß geworden ist, positioniert sich als digitalpolitischer Akteur Europas. Doch gerade diese Herkunft ist weniger Zufall als strategische Grundlage. Denn wer täglich Millionen Transaktionen abwickelt, Lieferketten optimiert und Datenströme in Echtzeit steuert, baut längst jene Infrastrukturkompetenz auf, die auch im Cloud- und KI-Zeitalter entscheidend ist.
Dass die Schwarz-Gruppe mit der 2023 gegründeten Schwarz Digits nun den Schritt in Richtung digitale Unabhängigkeit wagt, ist Ausdruck einer neuen Realität: Die Grenzen zwischen Handel, Technologie und geopolitischer Strategie verschwimmen.
„Wir können weitermachen.“
Gemeinsam mit Christian Müller bildet Rolf Schumann die Doppelspitze von Schwarz Digits. Sie verfolgen dabei das Ziel, aus einem Handelskonzern einen digitalen Infrastrukturanbieter zu formen – und damit eine Antwort auf die strukturelle Abhängigkeit Europas zu geben. Der ausschlaggebende Moment? „Wir saßen mit Microsoft am Verhandlungstisch und unsere Bedingung war klar: ‚Unsere Daten bleiben bei uns‘. Das konnte der US-Konzern aber aufgrund von Gesetzen wie dem US-Cloud-Act nicht zusichern. Und da wurde uns klar, wie abhängig wir sind“, sagt Schumann im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Jetzt hat die Schwarz Gruppe mit der eigenen Cloud „Stackit“ eine eigene, sichere Cloud, bei der man die Kontrolle über die eigenen Daten behält.
Es ist eine Rundum-Lösung, die sonst kaum am europäischen Markt zu finden ist: Eine eigene Cloud, ein eigenes Sicherheitssystem, das die Netzwerke immer aus der Perspektive eines Angreifers untersucht. Immer auf der Suche nach möglichen Angriffspfaden oder Schwachstellen. Bei künstlicher Intelligenz vertraut man auf das Wissen von Aleph Alpha. Das Unternehmen sitzt in Heidelberg und wird neben dem französischen KI-Anbieter Mistral als europäische Antwort auf ChatGPT (OpenAI) oder Gemini (Google) genannt. Um selbst die Kontrolle zu behalten und diese auch den Kunden zu bieten, setzt das Unternehmen auf Open Source, denn so kann der Quellcode kontrolliert und die Datenflüsse nachvollziehbar gemacht werden.
„Selbst wenn die Amerikaner den Stecker ziehen, können wir weitermachen. Reduziert, aber wir überleben. Auch deswegen haben wir sichergestellt, null Abhängigkeiten im normalen Weiterbetrieb zu haben“, sagt Schumann. Das haben auch andere Unternehmen erkannt. Immerhin zählt Schwarz Digits bereits die Deutsche Bahn, den FC Bayern München und auch die Berliner Charité zu ihren Kunden. Alle mit demselben Anspruch: Ihre Daten zu schützen und die Kontrolle darüber zu behalten. Ob das reicht, um im globalen Wettbewerb aufzuschließen, ist offen. Klar ist nur, dass digitale Souveränität zur zentralen industriepolitischen Weichenstellung dieses Jahrzehnts wird. Schwarz Digits zeigt, dass schon jetzt – trotz großer internationaler Abhängigkeiten – Alternativen vorhanden sind.
„Wir müssen den Ausverkauf des Wissens aus Europa, der Mittelständler, der Hidden Champions, stoppen“, sagt Schumann, der seit 2019 für die Schwarz-Gruppe tätig ist. Mit Datenhoheit, also wenn man die Kontrolle über die Daten behält und diese dort bleiben, wo sie auch entstehen, sorge man für wirtschaftliche Prosperität. Das verschärfe sich nochmal, wenn das Thema künstliche Intelligenz hinzukomme „Die industrielle Revolution der Dampfmaschine hat Muskelkraft ersetzt, künstliche Intelligenz ersetzt heute kognitive Routinen und das in allen Branchen“, sagt Schumann. Er versteht nicht, warum gerade in diesem Bereich noch so viel Skepsis vorherrscht. Das lasse sich nicht mehr stoppen. Wer versteht, dass KI keine Bedrohung ist, sondern ein Produktivitätsmotor, der könne daraus Wertschöpfung generieren.
„In Bezug auf künstliche Intelligenz ist die Schlacht überhaupt noch nicht verloren. Ja, was die Large-Language-Modelle wie ChatGPT betrifft, aber nicht, wenn wir uns anschauen, in welchen Bereichen in Europa unsere Stärken liegen“, so Schumann und nennt dabei das Beispiel eines deutschen Maschinenbauers, dessen Greifer von einem ausländischen Unternehmen kopiert und nachgebaut wurde. Jedoch nicht, wie dieser angesteuert wird. Darin sieht Schumann sich bestätigt. Denn nur mit diesen Daten und diesem Wissen können sich europäische Firmen im globalen Wettbewerb erfolgreich positionieren. „Doch wenn diese dann bei einem amerikanischen Hyperscaler liegen, der dann meint, er kann die Daten zum Training seiner KI verwenden, dann sind diese eben auch frei für jeden verfügbar.“
Zwischen Regeln und Überregulierung
Angesprochen darauf, ob der AI-Act, der ein umfassendes Regelwerk zum Umgang mit künstlicher Intelligenz für Europa vorgibt, und die Datenschutzgrundverordnung ein Hemmschuh für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit sind, hält der Schwarz-Digits-Chef fest: „Ich liebe Regulierung.“ Eine Haltung, die bewusst einen Kontrapunkt gegen die weitverbreitete Meinung vieler Branchenvertreter setzt, wonach Europa durch zu strenge Gesetze ins Hintertreffen gerät.
„Regeln sind notwendig, um Vertrauen zu schaffen. Aber Überregulierung hemmt Innovationen. Wir brauchen Spielregeln, nicht Fesseln. Der entscheidende Punkt ist: Wir dürfen KI nicht kaputtregulieren, bevor wir verstanden haben, welchen Nutzen sie für den Menschen stiften kann. Wenn wir einen Rahmen schaffen, der Verantwortung ermöglicht statt lähmt, wird Europa in diesem Feld vorn mitspielen“, ist Schumann überzeugt.
Auf einen Blick
Die Schwarz-Gruppe ist in Deutschland angesiedelt und wurde 1930 gegründet. Sie ist einer der größten Handelskonzerne und vor allem für ihre Supermarkt-Ketten Lidl und Kaufland bekannt; mit mehr als 15.000 Standorten weltweit und 470.000 Mitarbeitern. Der Umsatz 2025 belief sich auf 150 Milliarden Euro.